Das Dampfmaschinen–Trauma Erinnerung an alte Zeiten von Willi Robertz
Da erhalte ich Post von einem Bekannten aus Kinderzeiten (der heute Ministerpräsident ist) und gerate über den Inhalt des Briefes ins Grübeln. Tiefes Mitgefühl schleicht sich in meine rheinische Gedankenwelt: „Lieber Willi, Du muss dat mal durch die Brille von über 30 Jahren in der Sozialarbeit bekucken. Dä Jürjen scheint ein Trauma zu haben unn kann dir deshalb auf deinen Brief und die dort jestellten Fragen kein richtige Antwort jeben. Um hinter dat Trauma zu kommen müsse mer ersemal der Klient Jürjen da „abholen“, wo er steht (alte Regel der Sozialarbeit). Un da komme mer in seine Kindheit in Brauweiler: Der Jürjen war nämlich ein sehr, wie mer sacht, behütetes Kind, dat von allem Jefährlichem fern jehalten wurde. Andere Pänz, besonders natürlich die Jungens, hatten Pistolen, Knallplättchen, Rollschuh un sowat – Jürjen durfte dat alles nit. Besonders neidisch war er auf ne Jung (nennen mer en mal Jupp). Der Jupp hatte nämlich en Dampfmaschin – unn da durfte der Jürjen manchmal mit dem Jupp zusammen mitspielen. De Eldere vom Jürjen haben davon nix jewußt, denn der Jürjen hat denen nie wat von dem Jupp mit de Dampfmaschin erzählt. Un, wenn de Eldere mal „auf de Kopp zu“ jefragt haben hat der Jürjen jesacht:“ich weiss nix“. Dat mit dem „ich weiß nix“ hat der Jürjen dann sein janzes Leben beibehalten. Unn auch die Sehnsucht nach Dampfmaschinen. So kam dat Thema mit „ich weiß nix“ unn de Dampfmaschinen immer wieder hoch: In de achtzijer Jahre hat der Jürjen, der mittlerweile in Pulheim für de CDU im Rat war, bei nem Jebietsentwicklungsplan kackfrech für den Bau einer Anlage im Kraftwerk Neurath mit nuklearer Prozesswärme jestimmt. Jung, wat hat der Jürjen sich auf dat Kraftwerk jefreut. So rischtisch Bumm unn Paaf hatt `e sich vorjestellt – dann iss aber nix draus jeworden. Unn „ich weiß nix“ durfte de Jürjen dann auch wieder saaren: Bei ner Podiumsdiskussion in Stommeln, als mer ihm seine Zustimmung für dat Atomding in Neurath unter de Nas rieb. Aber dat Neurath scheint sein Lieblingsdampfmaschin zu sein – da häng` e su richtig drann – domit kanner dat Kindheitstrauma mit dämm Jupp singer Dampfmaschin und all die Löjerei bei de Eldere unn och späder in Stommeln wieder uss de Welt schaffen. Unn deshalb hätt´e dem Anjela Merkel neulich in Neurath „sing Dampfmaschin“, die jetz noch größer werde soll, vorjeführt (unn damit hätt der Jürjen dem Anjela ärsch imponiert )– unn alle Welt sollt ett jetz sinn: Der Jürjen hätt et jeschaff – unn er brauch nitt mehr zu löje. Dat heiß, wenn ich mir die Fragen in meinem Brief an ihn ankucke unn dann die Antworten in seinem Brief, dann klingt alles doch widder verdamp nach: „Ich weiss nix!!“
Ein schwerer Fall!
Derzeit wird im Düsseldorfer Landtag mit einiger Heftigkeit der Entwurf der Landesregierung für ein "Gesetz zur Straffung der Behördenstruktur" diskutiert. Wie die nachfolgende Aufzeichnung eines Telefonats mit dem Büro des Ministerpräsidenten zeigt, gibt es v.a. "ganz oben" dringlichsten Handlungsbedarf...
- Mitteilung am 21.9.2006 auf dem Anrufbeantworter von Willi Robertz seitens Herrn Goldbach (Mitarbeiter von Herrn Rüttgers): Der Ministerpräsident wird nicht kommen - er hat Ihnen einen Brief geschrieben - möglicherweise wird der Brief etwas später bei Ihnen eingehen (Anmerkung Robertz: die Veranstaltung findet am 23.9.2006 statt ). Sie können gerne zurückrufen usw. - am 22.9.2006 erreicht Robertz um 9.30 Herrn Goldbach telef. und es läuft folgendes Gespräch ab: Robertz: Danke für den gestrigen Anruf. Ich habe Sie so verstanden, dass der Brief von Herrn Rüttgers vorliegt - aber nicht verbindlich vor der Veranstaltung bei mir ist. Goldbach: Ja, das kann sein - wegen des Versandwegs. Robertz: Sie können mir ja den Brief vorab mailen. Goldbach: Haben Sie Fax? Robertz : Hier zu Hause nicht, aber email ist doch sicher kein Problem für Sie - ich gebe Ihnen einfach mal meine email-Adresse (...folgt). Goldbach : Aber Fax.... Robertz: Gut, dann besorge ich Ihnen die Fax-Nr. von einem Freund und Kollegen von LoB und rufe in eine paar Minuten zurück. ... später... Robertz: So, ich habe hier die Fax-Nr.von Herrn B. aus Stommeln - der ist absolut vertrauenswürdig - er hat das Bundesverdienstkreuz bekommen. Goldbach: Ich kenne Herrn B. - ich wohne nämlich in Pulheim (Robertz realisiert nicht: Herr Goldbach könnte das Schreiben doch persönlich morgen bei der Veranstaltung abgeben ) Robertz: Gut, dann faxen Sie das Schreiben Herrn B. Goldbach: Das kann ich nicht versprechen, was wollen Sie überhaupt mit dem Schreiben anfangen? Robertz: Bei der Veranstaltung bekannt machen - es ist ja immerhin die Meinung des Ministerpräsidenten. Goldbach: Aber das Schreiben befindet sich hier im Hause auf dem Postweg - ich weiß nicht, ob ich es rausholen kann. ( Robertz denkt: Das ist ja wie in meiner Lehrzeit Anfang der 60iger Jahre -haben die keinen PC ??) Robertz: Davon gehe ich aber aus - das Schreiben ist ja fertig. Goldbach: Sie wissen doch sowieso was Herr Rüttgers antwortet. Robertz: Nein, weiß ich nicht - ich habe ihn schon lange nicht mehr gesprochen. Goldbach: Dann kriegen Sie vorab aber wahrscheinlich ein Schreiben ohne Unterschrift. Robertz: Egal. Goldbach: Sie haben aber auch spät geschrieben - da brauchen wir halt Zeit! (Robertz denkt: Aber das Schreiben ist doch fertig - die haben ein Logistikproblem.) Robertz: Das Schreiben war eine Reaktion auf die Grundsteinlegung des Kraftwerks Neurath durch Herrn Rüttgers und war erst kürzlich.- Ich erwarte jetzt aber nun aber endlich das angekündigte Fax oder die mail. Goldbach: Ich werde es versuchen, kann aber nichts versprechen. Robertz: Na dann , auf wiederhören. Goldbach: Wiederhören. Alles klar !!
|
|
Absage des NRW-Ministerpräsidenten an Umweltschützer
Erst drei Tage nach dem Pulheimer Bürgerforum "Zukunft statt Braunkohle", zu dem ihn ein Pfadfinderkamerad aus alten Zeiten eingeladen hatte, traf die negative Antwort von Ministerpräsident Rüttgers bei diesem ein. Geschrieben (angeblich) am 20., versandt, laut Poststempel, am 25. September.
Die Veranstalter hatten schon erwartet, dass der - derzeit vielleicht prominenteste - Bürger Pulheims sich zur Einladung zum Pulheimer Bürgerforum zumindest äußert.
Die Absage und v.a. auch die Posse ihrer Entstehung (siehe Spalte links) hat Züge einer Realsatire. Wollte sich "dä Jürjen" etwa klammheimlich und nach Art des Vogel Strauß vor seiner Verantwortung drücken? Ist es ihm peinlich, an seine Vergangenheit als Pulheimer Beigeordneter für Umweltschutz und "Zukunftsminister" erinnert zu werden?
Wir dokumentieren den Schriftwechsel...
|
||||
„Ist das keine Lebenslüge?“
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Jürgen,
ich schreibe Dir als Mitstreiter im Aktionsbündnis Stommelner Bürger, dem ich trotz meines Umzuges nach Rosbach immer noch nahe stehe.
Dies gilt auch für meinen Heimatort (und hoffentlich auch Deinen) Brauweiler.
Du hast unlängst mit der Bundeskanzlerin den Grundstein für das Kraftwerk Neurath gelegt und damit die Weichen für weitere ca. 40 Jahre Braunkohleverstromung gestellt.
Dieses Kraftwerk wird in diesem Zeitraum mit stündlich ca. 1800 Tonnen Kohlendioxid unser Klima schädigen und Nachteile für Mensch, Natur und Volkswirtschaft hervorrufen.
Der wenig verbesserte Wirkungsgrad des Kraftwerkes wird der Gewinnmaximierung des RWE dienen und nicht dem Klima.
Du wirst wissen, dass weiterhin die gleiche Menge Kohle wie zuvor verbrannt wird. Die Kohlendioxidmenge ändert sich nicht.
Nur wenn die Braunkohleverstromung als einzige Möglichkeit der Energieerzeugung vorhanden wäre, wäre eine auf die Kilowattstunde bezogene Rechnung des Kohlendioxid seriös (was RWE macht ). Gott sei Dank gibt aber mittlerweile zukunftweisende Alternativen zur Braunkohle.
Und damit sind wir bei den Lügen oder, wie Du es richtigerweise nennst: Lebenslügen.
Eine Lebenslüge ist es, wenn von den großen Energieerzeugern, die ein Oligopol darstellen (Wirtschaftsminister Glos und Kartellamtspräsident Böge), eine klimafreundliche Politik erwartet wird.
Während Glos und Böge (und nicht nur die) kritische Worte von sich geben setzen die Bundeskanzlerin und Du ohne Worte, aber mit einer starken Geste, ein Zeichen der Verbundenheit mit einem dieser Marktbeherrscher.
Ist das keine Lebenslüge?
Diese Frage beziehe ich besonders auf Dich.
Du bist ein Kind dieser Region und kennst den Werdegang des RWE besser als Frau Merkel.
Dieses Unternehmen hat sich von einem in den 50iger Jahren sehr sozial handelnden bis in die heutige Zeit gemeinwesenbedrohliches Konstrukt gewandelt.
Ich erinnere Dich nur an die Entlassungen von Arbeitnehmern, die über 50 Jahre alt sind ( zu Lasten der Allgemeinheit. ).
Wenn Du mit offenen Augen und Ohren durch Brauweiler gehst, wirst einige Deiner alten Freunde treffen, die davon betroffen sind. Den wenigsten von Ihnen hat diese Abschiebung gut getan.
Du wirst auch wissen, dass die neuen BoA-KWs weniger Arbeitsplätze eröffnen als die alten KWs. Also wird die „50ziger-Lösung“ noch mehr Menschen betreffen.
In vielen anderen Regionen Deutschlands wurde der große Aufschwung bei den regenerativen Energien genutzt. Deutschland ist hier mittlerweile führend in der Welt.
Viele Arbeitsplätze sind entstanden. In Deiner Heimatregion wurde dieser Bereich absolut vernachlässigt.
Stattdessen setzt Du offenbar weiter nur auf RWE. Eine Lebenslüge ?
Die Menschen in unserer Heimatregion haben viele Jahrzehnte die Belastungen durch die Braunkohleverstromung angesichts der nicht zu bestreitenden Vorteile ohne Murren hingenommen.
Mittlerweile sind aber die Nachteile dieser Unternehmung über die Region hinausgewachsen.
Es gibt Alternativen, die Arbeitsplätze schaffen und die Umwelt nicht oder wenig belasten.
Ich gehe davon aus, dass Du diesen Alternativen gegenüber aufgeschlossen bist.
Deshalb lade ich Dich ein, die gemeinsame Veranstaltung großer deutscher Umweltverbände und regionaler Initiativen in Pulheim am Samstag, 23.09.2006 zu besuchen.
Diese Einladung soll nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern auch den Pulheimer Bürger Jürgen Rüttgers ansprechen.
Du bist mit Deiner Familie in Sinthern beheimatet und bist ebenso wie Deine Mitbürger von den Auswirkungen der Kraftwerke betroffen.
Die Veranstaltung soll Perspektiven aufzeigen, unserer Heimat weniger Belastungen durch die Kraftwerke und den Tagebau zuzumuten.
Die Lebenslüge entsteht auch durch einseitige Information.
Eine ihrer Ursachen ist die ebenso einseitige Abhängigkeit von Menschen und Mächten.
Sie verhindert notwendige Paradigmenwechsel und manifestiert somit Missstände bis weit in die nächste Generation.
Ich hoffe, wir sehen uns am 23.September in Pulheim.
Ein Programmblatt zur Veranstaltung füge ich bei.
Hans-Willi Robertz
„Keine Lösung ohne Braunkohlekraftwerke“
Lieber Hans-Willi,
vielen Dank für Deinen Brief, der mich am 14. September erreicht hat. Ich habe ihn aufmerksam gelesen. Im Hinblick auf eine Teilnahme am 23. September in Pulheim muss ich Dir allerdings absagen. Die Einladung kam doch sehr kurzfristig. Aber inhaltlich möchte ich zu Deinem Schreiben, in dem Du die Energiepolitik des Landes kritisierst, gerne Stellung nehmen.
Knapp 60 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen wir aus fossil befeuerten Kraftwerken, etwa 26 Prozent aus Kernenergie und knapp 11 % aus regenerativen Energien (Energiemix des Jahres 2005). Knapp 150 Mrd. KWh, d.h. allein gut ein Viertel unseres Stroms stammt aus der Braunkohle. Die Landesregierung ist überzeugt, dass diese Energiemenge auf mittlere Sicht nicht von anderen Energieträgern übernommen oder durch Energieeinsparung überflüssig gemacht werden kann.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Mehr Strom aus regenerativen Energien und weniger Stromverbrauch, wo dies möglich ist: diese Ziele sind selbstverständlich Bestandteil unserer Energiepolitik. Ich betone das immer wieder, gerade auch im Vorfeld für das nationale Energiekonzept, das die Bundesregierung für 2007 angekündigt hat. Und NRW bietet in beiden Bereichen Spitzentechnik im Weltmaßstab. Wir fördern diese Entwicklung mit der Landesinitiative Zukunftsenergien.
Wenn wir aber zugleich unsere Wirtschaftskraft als Industrieland und unsere Lebensqualität erhalten wollen, brauchen wir dazu auf absehbare Zeit auch die Versorgungssicherheit aus den fossilen Energiequellen. Die Logik heißt deshalb: Auch und gerade bei den fossilen Kraftwerken brauchen wir höchstmögliche Wirkungsgrade und damit die beste erreichbare Effizienz. Das gilt für die Braunkohle ebenso wie für Steinkohle, Gas oder Öl.
Die BoA's mit Wirkungsgraden von über 43 % sind derzeit die weltweit bestverfügbare Technik für Braunkohleverstromung: sie brauchen knapp ein Drittel weniger Brennstoff gegenüber den Altanlagen mit ihren Wirkungsgraden von rd. 32 %. Ich teile nicht Deine Auffassung, das sei nur „wenig verbessert".
Effizientere Kraftwerkstechnik für alle Energieträger führt also jedenfalls dann zu reduziertem Ausstoß von Klimagasen, wenn die erzeugte Strommenge insgesamt gleich bleibt. Im Gegensatz dazu gehst Du davon aus, dass der Braunkohleeinsatz gleich bleibt und dementsprechend rd. 30 Prozent mehr Strom erzeugt würde, so dass unter Klimaschutzgesichtspunkten ein „Null-Summen-Spier herauskäme. Ein solches Szenario ist nicht realistisch.
Zum einen ist im Genehmigungsbescheid für den BoA-Doppelblock Neurath bereits verbindlich festgelegt, dass insgesamt zehn alte Kraftwerksblöcke in Frimmersdorf und Niederaußem außer Betrieb genommen und endgültig stillgelegt werden müssen. Davon dürfen zwar vier 150 MW-Blöcke bis 2012 noch als Ausfallreserve bereitgehalten werden. Paralleler Volllastbetrieb alter und neuer Anlagen ist aber auch in dieser Übergangszeit ausgeschlossen.
Zum anderen wird sich der Energiemix auch zu diesem Zeitpunkt am Markt entwickeln. Ob dann tatsächlich mehr Braunkohlestrom als bisher verkauft werden kann (nur dann wird er produziert), wird einerseits von der Nachfrageentwicklung bestimmt, andererseits auch von konkurrierenden Stromangeboten aus anderen Primärenergien.
Beide Seiten brauchen weitere Impulse. Auf der Verbraucherseite fordere ich eine bundesweite Initiative zur Steigerung der Energieeffizienz. Und auf der Angebotsseite rechnen wir weiter mit mehr Strom aus Erneuerbaren Energien, aber auch mit mehr Strom aus Gaskraftwerken. Im September 2005 habe ich zum Beispiel in Hürth bei der Grundsteinlegung für ein hochmodernes 800 MW - GuD-Gaskraftwerk mitgewirkt, ebenso wie Frau Ministerin Thoben kurz vorher in Hamm. Braunkohlestrom wird also nicht beliebig „wachsen". Eher werden weitere alte Kraftwerke aus der Produktion gehen.
Neue Technik im Austausch gegen alte Kraftwerke hat also durchaus Vorteile für die Umwelt. Wer die nicht sehen will, der sucht letztlich eine „Lösung" ohne Braunkohlekraftwerke. Eine solche „Lösung" könnte die Landesregierung tatsächlich nicht anbieten.
Mit den besten Grüßen und Wünschen bin ich Dein
Jürgen Rüttgers |
||||||
|
||||||
|
||||||