Hintergrund

Braunkohle ist der mit Abstand umweltschädlichste Energieträger. Kein anderer Brennstoff verursacht mehr Kohlendioxid, sein Abbau zerstört weiträumig Natur, Landschaften und den Gewässerhaushalt und vertreibt Menschen aus ihrer Heimat. In den Tagebaurandgemeinden geht nicht nur Lebensqualität verloren, sondern  Lärm-  und Feinstaubimmissionen verursachen Krankheiten bis hin zu vorzeitigen Todesfällen. Auch die Kohlekraftwerke sind richtige „Dreckschleudern“: Neben Schwefeldioxid und Stickoxiden stoßen sie große Mengen Schwermetalle wie Quecksilber aus und sind auch die größten Punktquellen für die gefährlichen Feinstaub-Partikel.


Klimakiller Braunkohle   

Klimakiller.tiff Kopie Braunkohle ist der fossiler Brennstoff mit im Vergleich zu Steinkohle und v.a. Erdgas sehr niedrigem Energieinhalt. Damit setzt sie bei der Umwandlung zu Strom deutlich mehr klimaschädliches Kohlendioxid frei: Pro Kilowattstunde Strom kommen die „modernsten“ Braunkohlenkraftwerke auf spezifische CO2-Emissionen von bestenfalls 950 g. Der Durchschnitt der alten Braunkohlenkraftwerke liegt sogar bei 1.100 g CO2/kWh. Egal in welchem Kraftwerkstyp Braunkohle verstromt wird: Pro Tonne Brennstoff wird unweigerlich eine Tonne CO2 freigesetzt. Und noch ein Nachteil kommt neben den geringen elektrischen Wirkungsgraden hinzu: Da Braunkohlen zu etwa 50 bis 60 Prozent aus Wasser bestehen, werden sie tagebaunah eingesetzt. Doch auf der „grünen Wiese“ gibt es keine Abnehmer für die gigantische Menge an Abwärme. Die hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung kommt deshalb so gut wie nie zur Anwendung. Insgesamt sind in Deutschland Braunkohlenkraftwerke mit einer Kapazität von etwa 22,6 Gigawatt in Betrieb. Im Jahre 2012 haben sie 167 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Damit waren sie für mehr als die Hälfte der Emissionen aus der Stromerzeugung verantwortlich.


Dreckschleuder Braunkohlenkraftwerk

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Braunkohle gilt als der schmutzigste Energieträger. Zwar weisen Steinkohlen noch mehr Schadstoffe auf, allerdings braucht man erheblich mehr Braunkohle, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen. 2012 hat so zum Beispiel das RWE-Kraftwerk in Grevenbroich-Neurath neben 32 Millionen Tonnen CO2 auch 21.000 Tonnen Stickoxide, 8.000 t Kohlenmonoxid und 6.000 Tonnen Schwefeldioxid ausgestoßen. Dazu kamen 200 t Chlor- und Fluorverbindungen, 497 kg Quecksilber, 55 kg Arsen, rund eine Tonne Benzol und 423 t Feinstaub.

Nach einer Studie der Organisation HEAL führen die Emissionen aus Kraftwerken in Deutschland jedes Jahr zu 600.000 verlorenen Arbeitstagen und 2.600 vorzeitigen Todesfällen. Die Gesundheitskosten werden auf 2,3 bis 6,4 Mrd. Euro jährlich geschätzt. Das Umweltbundesamt rechnet mit zusätzlichen externen Kosten pro Kilowattstunde Braunkohlenstrom von über 10 Cent. Nach einer von Greenpeace Energy beauftragten Studie liegen die Gesamtkosten für Strom aus Braunkohlekraftwerken bei 14,9 Cent je kWh.

 

Aber nicht nur die Kraftwerke, auch die Tagebaue bedrohen die menschliche Gesundheit. Die Feinstaubbelastung  im Umfeld der rheinische Braunkohlentagebaue ist zum Beispiel dermaßen hoch, dass der BUND die Aufstellung von Luftreinhalteplänen durchgesetzt hat. Ein weiteres Problem stellt die Radioaktivität dar. Nach Angaben des BUND befinden sich so z.B. allein in den jährlich umgesetzten 100 Millionen Tonnen Braunkohle und 460 Millionen Tonnen Abraum etwa 388 Tonnen Uran. Dazu kommen die Radionuklide Thorium und Kalium. Die Behörden halten das für ungefährlich.

Dazu kommt das Problem der Entsorgung der Kraftwerksabfälle. Früher wurden die mit Quecksilber und anderen Schadstoffen belasteten Aschen und Schlacken einfach in den Tagebauen verkippt. So entstanden Altlasten mit noch weitgehend unbekannten Gefährdungspotenzial. Heutzutage werden die Abfälle auf Kraftwerksreststoffdeponien einer niedrigen Sicherheitsstufe gelagert. Deren Langzeitsicherheit ist ungewiss, zumal die Deponien nach Tagebauende in den Grundwasserstrom gelangen können.


Landschaftsfresser Braunkohlelandschaftsfresser braunkohle

Es gibt keinen größeren Eingriff in Natur und Landschaft als einen Braunkohlentagebau. Um an die bis in Tiefen von über 400 m liegenden Braunkohlenflöze heranzukommen, müssen Wälder, wertvolle Ackerflächen und altes Kulturland verschwinden. Je tiefer die Flöze liegen, desto mehr Deckgebirge muss entfernt werden. Um zum Beispiel in der Lausitz eine Tonne Braunkohle zu gewinnen, müssen etwa 6 Tonnen „Abraum“ entfernt werden. Im Rheinland entstanden so künstliche Gebirge. Die Außenkippe des Tagebaus Hambach, die so gen. Sophienhöhe, ist mehr als 200 m hoch und hat ein Volumen von mehr als 2 Mrd. Kubikmetern.

Bislang (12/2014) wurden in Deutschland 175.676,9 Hektar „in Anspruch genommen“. Die derzeitige Betriebsfläche liegt bei 54.838,9 Hektar.

Ein Ausgleich dieses unvorstellbaren Eingriffs ist nicht möglich. Zwar wurden inzwischen wieder etwa 120.000 Hektar wieder nutzbar gemacht („rekultiviert“). Doch dies ist nur der Versuch, die schlimmsten Folgen zu kaschieren.

Es dauert Generationen, ehe ein zerstörter Wald wieder seine ursprünglichen Funktionen erfüllen kann. Wertvolle Böden, die eine zehntausende Jahre dauernde Entwicklung hinter sich haben, können nur ansatzweise wieder hergestellt werden.


Zerstörte Gewässer

Um die Braunkohle fördern zu können, muss zunächst bis in große Tiefen das Grundwasser abgepumpt werden. Allein für den Tagebau Hambach im Rheinland sollen so bis zu 45 Milliarden Kubikmeter Wasser „gesümpft“ werden. Die Grundwasserabsenkung ist aber nicht auf die Tagebaue beschränkt, sondern erfasst über den so gen. Sümpfungstrichter weite Landesteile. Das hat nicht nur negative Folgen für die Wasserwirtschaft, sondern es fallen auch Quellen trocken, Flüsse und Bäche verschwinden, grundwasserabhängige Feuchtgebiete werden irreversibel geschädigt. Letztere werden durch Einleitungen von aufbereitetem Sümpfungswasser künstlich am Leben gehalten – Biotope am Tropf.

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Sümpfungsbrunnen im Tagebau Garzweiler

Dazu können die im Abraum enthaltenen Eisen- und Schwefelverbindungen an der Luft oxidieren. In Verbindung mit Regenwasser und durch den nach Tagebauende langsam wieder ansteigenden Grundwasserspiegel bildet sich zum einen Schwefelsäure, die durch die Zugabe von Kalk nur ansatzweise abgepuffert werden kann. Das Versauerungsproblem wird so nach die nachfolgenden Generationen beschäftigen. Das freigesetzte Eisen wiederum wird teilweise zu Eisenhydroxid, dem so gen. Eisenocker umgewandelt. Die „Verockerung“ der Fließgewässer ist unübersehbar: insbesondere die Spree ist dadurch zu einem braun verfärbten Gewässer geworden und der Lebensraum für Fische und andere Wassertiere wird massiv entwertet.

Auch lange nach Tagebauende bleiben die Folgen massiv. Wegen des Massendefizits verbleiben Tagebaurestlöcher. Im Rheinland sollen diese künstlich mit Wasser aus dem Rhein und der Rur gefüllt werden. 40 Jahre und mehr wird dies dauern. Das Volumen dieser Restseen wird das von Starnberger See und Chiemsee übersteigen; die ökologischen Folgen können heute nicht abgeschätzt werden.

 


Verheizte Heimat

kohleatlas2015_grafik_25aSeit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden insgesamt etwa 370 Ortschaften durch die Tagebaue zerstört und mehr als 120.000 Menschen zwangsumgesiedelt. Allein seit 1924 wurden 230 Siedlungen devastiert. Geht es nach den Plänen von RWE und Co., sollen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts noch etliche tausend Menschen folgen.

Die Betroffenen haben bislang kaum Chancen, sich gegen die Zwangsumsiedlung erfolgreich juristisch zu wehren. Grund dafür ist das anachronistische und undemokratische Bergrecht, welches den Interessen der Kohlekonzerne absoluten Vorrang vor den Interessen des Allgemeinwohls und der Betroffenen einräumt. Zwar haben der BUND und ein Privatkläger durch das so genannte „Garzweiler-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts 2013 gewisse Verbesserungen erzwungen. Doch die Politik ist bislang nicht willens, das Bundesberggesetz grundlegend zu reformieren.

Doch auch die vom Abbaggern verschonten Tagebauanrainer haben mit vielen nachteiligen Folgen zu rechnen. Neben den Gesundheitsbelastungen (s.o.) sind dies v.a. die „kalte Enteignung“ durch den Wertverlust der Immobilien und die zahlreichen tagebau- und sümpfungsbedingten Bergschäden. Anders als im Steinkohlenbergbau liegt die Beweislast hierbei grundsätzlich beim Geschädigten – auch dieses Bergbau-Privileg gehört dringend abgeschafft!


Ewigkeitsschäden

Die bisherigen volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Braunkohlengewinnung und –nutzung können nur überschlägig kalkuliert werden. Niemand hat bislang  monetarisiert, welche Umweltkosten durch die großflächige Zerstörung von Wäldern und Kulturland oder den irreversiblen Eingriff in die Grundwasserlandschaften generiert werden. Dazu fehlt bis heute eine ökologische Gesamtbilanz des Braunkohlenbergbaus in Deutschland. Allen die nach der „Wende“ begonnene Sanierung der ostdeutschen Tagebaue hat bis 2013 Steuergelder in Höhe von 9,5 Milliarden Euro verschlungen.

Durch den heutigen Raubbau an unseren Lebensgrundlagen durch die anhaltende Braunkohlengewinnung und -nutzung werden die Ewigkeitsschäden von morgen geschaffen. Dennoch gibt es im Braunkohlenbergbau keine Verpflichtung für die Betreiber, in einen ausreichend finanziell ausgestatteten Ewigkeitslasten-Fonds einzuzahlen. Stattdessen wird schlichtweg behauptet, es gebe keine Ewigkeitsschäden. Gerne wird auf die laufende Rekultivierung verwiesen, die hinreichend abgesichert sei.

Dabei zeichnen sich schon jetzt gigantische Folgekosten ab.

So ist über das tatsächliche Ausmaß der Bergschäden durch die Braunkohlegewinnung  nur wenig bekannt. Wer übernimmt zum Beispiel die Sicherungskosten für Braunkohle-Kunstseen, die erst im Jahre 2085 ihren endgültigen Wasserspiegel erreichen sollen? Was ist bei späteren Hangrutschungen? Wer kommt für die dauerhaften wasserwirtschaftlichen Langzeit-Folgen auf? Was bezahlt ggf. die Sanierung der Altlasten und Altablagerungen von gefährlichen Kraftwerksabfällen? Was passiert bei einer Pleite von RWE und Co.?

Es ist nicht nachvollziehbar, warum ein solcher Ewigkeitslasten-Fonds für das Steinkohlenrevier existiert, die  Braunkohlen-Konzerne aber weiter nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ handeln dürfen.